
Dienstagvormittag, die Klimaanlage im Hamburger Büro summt monoton gegen die schwüle Julihitze an. Wir stecken tief in einer Roadmap-Diskussion. Mein Stift schwebt über einer leeren Seite in meinem A5-Notizbuch. Ich will die Abhängigkeiten der neuen API visualisieren, aber ich erstarre. Was, wenn mein Chef sieht, dass ich hier 'rumkritzle', während wir über Millionen-Budgets sprechen?
Kurzer Transparenz-Check: In diesem Text finden sich Affiliate-Links. Falls du darüber einen Kurs buchst, bekomme ich eine kleine Provision — für dich ändert sich am Preis gar nichts. Ich verlinke hier nur Dinge wie den Sketchnotes Kurs, den ich selbst über Monate in meinen echten Meetings getestet habe, um nicht mehr in Textwüsten zu versinken.
Das 62-Prozent-Dilemma
Rückblick: Ende letzten Herbstes habe ich realisiert, dass ich 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings verbringe. Das ist kein Schätzwert, das ist die deprimierende Wahrheit aus meinem Outlook-Kalender. Das Problem war nicht nur die Zeit. Das Problem war, dass ich drei Tage später meine eigenen Protokolle nicht mehr verstanden habe. Bleiwüsten. Bullet Points ohne Kontext. Ein kognitiver Totalschaden.
Ich wusste, dass ich etwas ändern musste. Ich hatte von der Dual Coding Theory gehört — die Idee, dass unser Gehirn Informationen über zwei Kanäle gleichzeitig verarbeitet: verbal und visuell. Wenn ich beides nutze, behalte ich die Infos besser. Aber da war diese Barriere. Die Angst, dass meine Zeichnungen 'kindisch' wirken könnten. In einer Welt aus Jira-Tickets und Stakeholder-Präsentationen wirkt ein handgezeichnetes Männchen schnell wie ein Hilferuf aus dem Kindergarten.

Der Versuch, ein Architekt zu sein (und das Blumenkohl-Debakel)
In den ersten Januarwochen wagte ich den ersten Versuch. Wir sprachen über die technische Architektur unserer Cloud-Infrastruktur. Ich wollte eine Cloud zeichnen. Was auf dem Papier landete, sah allerdings so sehr nach einem Blumenkohl aus, dass ich es vor Scham mit leuchtend roter Tinte durchstreichen musste. Es war peinlich. Ich dachte: 'Ich werde für mein strategisches Hirn bezahlt, aber ich schwitze hier gerade Blut und Wasser, weil ich eine Glühbirne zeichne, die wie eine verschrumpelte Birne aussieht.'
Ich versuchte, mein Notebook unter meinem Laptop zu verstecken. Jedes Mal, wenn sich ein Kollege über meinen Schreibtisch lehnte, klappte ich das Buch zu. Diese Blockade war real. Wir PMs definieren uns über Professionalität. Und Professionalität bedeutet in vielen Köpfen: Text, Tabellen, Ernsthaftigkeit. Zeichnen fühlte sich nach Kontrollverlust an.
Vom Künstler zum visuellen Protokollanten
Der Wendepunkt kam nach dem ersten Quartal. Ich hatte den Sketchnotes Kurs angefangen, eigentlich nur, um die Grundlagen zu lernen. Dort begriff ich etwas Essenzielles: Sketchnoting im Business ist keine Kunst. Es ist funktionales Design. Ein 'Container' ist nur ein Rechteck. Ein 'Connector' ist nur eine Linie. Es geht nicht um Ästhetik, sondern um Struktur.
Ich fing an, das Zeichnen als aktives Zuhören zu begreifen. Wenn ich die Verbindung zwischen zwei Modulen nicht zeichnen kann, habe ich sie wahrscheinlich nicht verstanden. Das Visuelle wurde zum Bullshit-Detektor meiner eigenen Notizen.
Besonders in hierarchischen Meetings in Hamburgs Teppich-Etagen ist die Angst groß, als unaufmerksam zu gelten. Aber ich merkte: Wenn ich zeichne, während ich Blickkontakt halte, wirkt es nicht wie Doodling. Es wirkt wie hochkonzentrierte Analyse. Ich nutze einen 0,5mm Fineliner auf 80g/m2 Recyclingpapier. Dieses rhythmische 'Scritch-Scratch'-Geräusch des Stifts in einem ansonsten stillen Konferenzraum wurde für mich zum Anker.

Der Moment, in dem die Blockade platzte
An einem schwülen Nachmittag im Juli saßen wir in einem besonders zähen Stakeholder-Review. Es ging um die API-Integration. Ich hatte währenddessen eine grobe Map gezeichnet: Boxen, Pfeile, ein paar einfache Icons für die Datenbanken. Nichts Schönes. Aber klar.
Ein Senior Stakeholder, der Typ 'Excel-ist-mein-Leben', lehnte sich nach dem Meeting über meinen Tisch. Ich wollte das Buch schon reflexartig schließen. Doch er zeigte auf meine krummen Verbindungslinien und sagte: 'Warten Sie mal. Das ist also der Weg, wie die API connectet? Warum haben wir das nicht schon vor Monaten so aufgezeichnet? Darf ich davon ein Foto machen?'
In diesem Moment verschwand die Angst. Meine 'hässliche' Skizze hatte mehr Klarheit geschaffen als das 40-seitige Lastenheft, das seit Wochen ungelesen in allen Postfächern lag. Es geht darum, wichtige Informationen schneller zu filtern und für andere (und mich selbst) begreifbar zu machen.
Mein Fazit für alle PMs mit Zeichen-Phobie
Wenn du Angst hast, anzufangen, dann weil du denkst, du müsstest 'zeichnen'. Vergiss das. Du musst nur Informationen räumlich anordnen. Wenn du ein Quadrat und einen Pfeil zeichnen kannst, hast du alle handwerklichen Voraussetzungen. Falls du später merkst, dass du deine Handschrift noch etwas optimieren willst, kann ein Handlettering Kurs helfen, aber für den Anfang reicht absolute Simplizität.
Heute ist mein A5-Notebook mein wichtigstes Werkzeug. Die Blockade ist weg, weil ich den Anspruch an Perfektion durch den Anspruch an Klarheit ersetzt habe. Und falls doch mal ein Symbol schiefgeht? Dann ist es eben ein abstrakter Blumenkohl. Solange die API-Logik dahinter stimmt, lacht am Ende niemand.