Hand und Stift

Woche 1: Mein erstes Meeting-Massaker – Warum Sketchnotes keine Kunst, sondern Überlebenskampf sind

Dienstag, 9:47 Uhr. Product-Sync. Unser CTO spricht über Latenzzeiten in der Datenbank-Struktur. Ich starre auf mein weißes Blatt im Notizbuch. Ich will eine Wolke zeichnen. Eigentlich eine einfache Aufgabe. Aber während ich noch überlege, ob Wolken oben oder unten flacher sind, ist die Diskussion im Raum bereits drei Themen weiter.

Ein kurzer Hinweis vorab: In diesem Text sind Affiliate-Links zu finden. Wenn du darüber einen Kurs buchst, bekomme ich eine Provision, ohne dass es dich mehr kostet. Ich empfehle hier nur den Sketchnotes Kurs, den ich selbst im Rahmen meines Arbeitsalltags durchgearbeitet habe.

Rückblick auf Ende 2025. Mein Kalender lügt nicht. Er sagt, ich verbringe 24,8 Stunden pro Woche in Meetings. Das sind 62 Prozent meiner Zeit bei diesem Hamburger SaaS-Anbieter. Die Erkenntnis kam schleichend, aber gewaltig: Meine Notion-Seiten und Jira-Tickets sind digitale Friedhöfe geworden. Textwüsten ohne Anker. Ich habe meine eigenen Protokolle nicht mehr gelesen, weil alles gleich aussah. Grau auf weiß. Beliebig.

Ich sitze also in diesem Meeting, es ist der 14. April 2026. Das erste Mal mit dem Vorsatz, nicht nur zu tippen, sondern zu zeichnen. Das kratzende Geräusch des schwarzen Fineliners auf dem glatten Papier ist das Einzige, was ich höre, abgesehen vom monotonen Summen der Klimaanlage und der Stimme des CTO. Es fühlt sich riskant an. Als würde ich in der Schule kritzeln, statt zu arbeiten.

Der Versuch, live zu dolmetschen

In diesem ersten 60-Minuten-Slot wollte ich alles richtig machen. Ich wollte visualisieren. Ich wollte Struktur. Das Ergebnis war ein Desaster aus krummen Linien und Stress.

Ich versuchte eine Glühbirne für 'Idee' zu zeichnen, brauchte 40 Sekunden dafür und verpasste komplett die Budget-Diskussion für Q3. Ein klassischer Anfängerfehler. Ich wollte jedes Detail erfassen. Ich wollte, dass es aussieht wie auf Pinterest. In Minute 20 schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: 'Jonas, du bist Product Manager, kein Illustrator. Wenn das ein Kreis sein soll, dann ist es jetzt eben ein sehr eieriger Kreis.'

Mein rechter Unterarm brannte. Ein ziehender Schmerz, weil ich den Stift vor lauter Konzentration viel zu fest umklammert habe. Mein Körper wehrte sich gegen die ungewohnte Bewegung. Ich produzierte in dieser Stunde 4 Seiten Chaos. Es sah nicht aus wie eine Sketchnote. Es sah aus wie ein Tatort-Protokoll.

Dabei ist die Theorie eigentlich klar. Sketchnotes basieren auf der Dual-Coding-Theorie. Das Gehirn verarbeitet Informationen gleichzeitig verbal und visuell. Das erhöht die Behaltensquote massiv. Aber die Theorie sagt nichts darüber aus, wie man sich fühlt, wenn der Stakeholder gerade die Roadmap umschmeißt und man noch versucht, ein Icon für 'Cloud-Infrastruktur' zu entwerfen.

Warum Standard-Tipps für PMs oft versagen

Hier liegt das Problem: Die meisten Anleitungen fordern volle Konzentration auf die visuelle Gestaltung. Man soll sich Zeit nehmen für Schatten, für schöne Lettern, für Farben. In einem echten Meeting habe ich diese Zeit nicht. Ich arbeite eher wie ein Simultandolmetscher. Ich muss hören, verstehen, filtern und gleichzeitig in eine visuelle Sprache übersetzen. Meine kognitive Last ist bereits am Limit, bevor ich den Stift überhaupt ansetze.

Standardtipps, die dekorative Elemente predigen, sind in diesem Moment kontraproduktiv. Sie stehlen die Aufmerksamkeit, die ich für die inhaltliche Diskussion brauche. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich 'Priorisierung' schön schreibe, höre ich nicht mehr, warum das Feature auf P2 rutscht.

In Minute 45 gab ich den Anspruch auf 'schön' endgültig auf. Ich nutze nur noch einfache Rechtecke – sogenannte Container – für Zitate und wichtige Entscheidungen. Ein Kasten drumherum, ein Pfeil zum nächsten Punkt. Das ist das visuelle Alphabet: Punkt, Linie, Kreis, Dreieck, Quadrat. Mehr braucht es eigentlich nicht. Plötzlich entspannte sich mein Handgelenk. Ich habe wieder aktiv zugehört, statt nur zu malen.

Das Resultat am Freitag

Am 17. April, drei Tage nach dem Meeting-Massaker, habe ich die Notizen für den Wochenbericht aufgeschlagen. Das Blatt sah wild aus. Von den Symbolen auf der ersten Seite konnte ich nach 24 Stunden zwar nur 12 Stück ohne Text-Label sofort identifizieren – eine Glühbirne sah eher aus wie eine deformierte Birne, ein User-Icon wie ein Daumen.

Aber: Der Kontext war sofort wieder da. Die eierigen Kreise und die krummen Container funktionierten als Anker. Ich wusste wieder, wer was kritisiert hatte. Ich wusste, warum wir die Datenbank-Entscheidung vertagt hatten. Ich wusste es ohne langes Suchen in Textwüsten.

Für diesen funktionalen Einstieg war der Sketchnotes Kurs ein guter Hebel. Er fokussiert sich eben nicht auf schöne Schrift, sondern auf Symbole, die man in drei Sekunden zeichnet. Wer perfekte Buchstaben will, wird dort enttäuscht sein. Wer aber wie ich im Meeting überleben will, findet dort die Basis-Vokabeln.

Es gibt natürlich Upgrades. Wer irgendwann auf das iPad umsteigt, schaut sich vielleicht den Digital Lettering Kurs an, um die Layer-Logik zu verstehen. Aber ehrlich gesagt: Für Woche 1 reicht ein Stift und der Mut, hässliche Kreise zu zeichnen.

Mein Protokoll ist weit weg von Kunst. Es ist ein Werkzeug. Ein hässliches, aber verdammt effektives Werkzeug. Ich habe gemerkt: Der Fokus muss auf der Funktion liegen, nicht auf der Ästhetik. Wenn ich am Freitag noch weiß, was am Dienstag wichtig war, habe ich gewonnen. Auch wenn die Cloud-Wolke aussieht wie ein betrunkener Schafskopf.

Nächste Woche versuche ich, die Container früher einzusetzen. Weniger Symbole, mehr Struktur. Mal sehen, ob mein Unterarm das mitmacht.