Hand und Stift

Teamstrukturen visuell darstellen mit Sketchnotes für bessere Zusammenarbeit

Ein Organigramm zeigt, wer wem laut Vertrag unterstellt ist. Eine Sketchnote zeigt, wer mit wem gerade wirklich arbeitet, und an genau diesem Unterschied scheitern die meisten Versuche, Teamstrukturen für bessere Zusammenarbeit sichtbar zu machen. Ich bin Product Manager in einem Hamburger SaaS-Unternehmen, verbringe laut Kalender 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings, und der Irrglaube, den ich am längsten mit mir herumgetragen habe, klingt erstmal vernünftig: Je detaillierter das Organigramm, desto klarer versteht das Team, wie es zusammenarbeitet. Stimmt nicht. Visuelles Denken funktioniert nach anderen Regeln als ein Kästchen-Diagramm aus PowerPoint.

Der Irrglaube: Ein vollständiges Organigramm verbessert die Zusammenarbeit im Team

Bei uns hat dieser Irrglaube sogar einen Spitznamen: das „lückenlose Org-Chart". Jedes Quartal taucht eine neue Version davon auf. Mehr Boxen, mehr gestrichelte Linien für gepunktete Berichtswege, mehr Fußnoten unten am Rand, die kaum jemand liest. Unser Büro liegt mitten im Schanzenviertel, Coworking-Trubel inklusive, und trotzdem starrt in jedem zweiten Meeting irgendjemand ratlos auf genau diese Folie.

Unser Kurzzeitgedächtnis nimmt das nicht klaglos hin. Es gibt die Millersche Zahl, die besagt, dass wir etwa sieben Informationseinheiten gleichzeitig im Kopf halten können, plus minus zwei. Eine Liste mit fünfundzwanzig Namen und Rollen reißt diese Grenze locker. Nach der Hälfte schaltet mein Gehirn in den Standby-Modus, und ich bin, laut mehreren Kollegen, nicht der Einzige.

Was zeigt eine Sketchnote, das ein Kästchen-Diagramm nicht kann?

Abhängigkeiten. Nicht Berichtswege. Wer liefert die API-Endpunkte, wer segnet das Design ab, wer hat beim Release ein Veto? Wir arbeiten in Squads, quer über Tribes hinweg, mit Stakeholdern, die von überall funken, und Text-Listen bilden diese Dynamik schlicht nicht ab. Also zeichne ich Menschen als Kreise und Teams als Wolken. Entwickler werden zu einer Gruppe kleiner Zahnräder, Design bekommt eine Glühbirne, ich selbst lande als kleiner Ankerpunkt in der Mitte.

Handgezeichnete Symbole für Teamstrukturen und visuelles Denken: Zahnräder für Entwicklung, Glühbirne für Design, auf einem Whiteboard

Statt starrer Linien nutze ich Nähe. Teams, die eng zusammenarbeiten, rücken auf dem Blatt zusammen. Stakeholder mit gelegentlichem Input landen am Rand, aber mit einem dicken Pfeil Richtung Zentrum. Genau diese Verschiebung hat mir Hauke gezeigt, unser Scrum Master, der beim letzten Sprint-Planning zum wiederholten Mal sein Ladekabel im Konferenzraum vergessen hat und es erst zur nächsten Session vermisst. Trotzdem, oder gerade deshalb, sieht er auf einer Zeichnung schneller Muster als in jeder Liste.

Die Post-it-Wand, die nach dem nächsten Sprint leer war

Bevor ich bei Kreisen und Wolken gelandet bin, habe ich anderes ausprobiert. Eine Post-it-Wand am Schreibtisch zum Beispiel, jede Abhängigkeit ein eigener Zettel, säuberlich nach Team sortiert. Klang nach System. Nach dem nächsten Sprint war die Wand leer, nicht weil alles erledigt war, sondern weil niemand die Zettel aktuell gehalten hat und ich sie irgendwann kommentarlos abgerissen habe. Zurück blieb ein Klebrand an der Wand und die Erkenntnis, dass Struktur, die separat gepflegt werden muss, in der Praxis meistens verwaist.

Der Unterschied wurde mir in einer gut neunzig Minuten langen Review-Runde klar. Ich habe mitgezählt: dreimal auf mein eigenes Blatt geschaut, um nachzuvollziehen, wer gerade woran hängt. Zum Handy gegriffen habe ich in derselben Zeit kein einziges Mal. Sonst wäre es locker auf zwanzig hinausgelaufen. Effizienter geht Meeting-Nachbereitung kaum, und das ganz ohne separates Tool, das gepflegt werden will.

Die hässlichen Teile nicht wegretuschieren

Hier lauert die zweite Falle, die in den meisten Sketchnote-Anleitungen fehlt. Visuelle Vereinfachung neigt zur Harmonisierung. Runde Linien, freundliche Symbole, alles sieht irgendwie nett aus, auch dann wenn es das nicht sein sollte.

Teamstrukturen bestehen aus Machtdynamiken, Hierarchie-Gerangel und notwendigen Reibungen. Gieße ich das in ein zu harmonisches Bild, kaschiere ich genau die Punkte, über die eigentlich gesprochen werden müsste. Letzte Woche wollte ich unsere neue Matrix-Organisation zeichnen — fachliche Führung, disziplinarische Führung, dazu projektbezogene Squads. Am Ende sah mein stabiles „Team-Haus" eher aus wie ein schiefes Zelt kurz vor dem Umkippen. Alle im Raum haben kurz gelacht, und genau dieses Lachen hat die Spannung rausgenommen. Wir konnten über die Instabilität reden, weil sie da vorne am Board so offensichtlich und ein bisschen lächerlich aussah.

Skizze eines schiefen Zelts als Sinnbild für instabile Teamstrukturen und Matrix-Organisation

Rainer, ein Stammleser aus einer Sketchnotes-Facebook-Gruppe, kommentiert solche Folgen fast immer mit derselben Frage: wie viele Minuten das gedauert hat, wie viele Seiten am Ende vollgezeichnet waren. Eine faire Frage, nur beantwortet sie nicht das Eigentliche. Die Zickzack-Linie, die ich mittlerweile für hakende Kommunikation zwischen zwei Teams zeichne statt eines glatten Pfeils, kostet keine Extra-Minute, aber sie sagt mehr als jede glatte Linie je könnte.

Die Regel, die wirklich funktioniert: Nähe schlägt Hierarchie

Wer einsteigen will, kann sich an drei Dingen festhalten. Erstens: Symbole statt Fotos oder Namen. Ein Auge für QA, ein Zahnrad für Entwicklung — das hält den Fokus auf der Funktion, nicht auf der Person, die sie gerade ausfüllt. Zweitens: Abstand als Werkzeug. Was zusammengehört, wird nah beieinander gezeichnet, das spart Linien-Chaos und nutzt aus, wie unser Gehirn Nähe ohnehin liest. Drittens: die Zeichnung bleibt bearbeitbar. Eine Sketchnote am Whiteboard ist kein fertiges Werk — sagt jemand „das stimmt so nicht", gebe ich den Marker weiter.

Wenn ich heute IT-Infrastruktur visualisieren muss, nutze ich dieselben drei Regeln — Symbole, Abstand, Bearbeitbarkeit funktionieren unabhängig vom Thema. Für saubere Beschriftung, die auch unter Zeitdruck noch lesbar bleibt, hilft einfachen Handlettering Übungen für PMs — wobei das eine andere Baustelle ist als das Sketchnoting selbst. Welches Layout sich für welche Teamstruktur eignet, wie man ein eigenes Symbol-Vokabular aufbaut oder ob das Ganze besser auf Papier oder am Tablet funktioniert, sind ebenfalls eigene Themen, die ich hier bewusst ausklammere.

Der Unterschied, der am Whiteboard bleibt

Professionell sieht das Ergebnis selten aus. Kanten sind schief, Beschriftungen wackeln, das Anker-Symbol für mich selbst ist manchmal bedenklich überladen. Genau das ist der Punkt: Wird mein eigenes Symbol zu voll, weiß ich, dass ich Aufgaben abgeben muss, bevor irgendein Status-Meeting mir das sagt. Die Zeichnung lügt nicht, auch wenn sie hässlich ist.

Zurück zum Anfang: Ein Organigramm zeigt Berichtswege, eine Sketchnote zeigt Arbeit. Wer verstehen will, warum Sketchnotes im Business den PM Alltag erleichtern, testet das am besten im nächsten Standup oder in der nächsten Retro und nicht an einem sauber vorbereiteten Meeting. Genau dort zeigt sich, ob die Struktur trägt oder bloß gut aussieht. Der Marker liegt bereit, das lückenlose Org-Chart darf im Ordner bleiben.

Verwandte Artikel