
Es ist später Nachmittag in einem dieser fensterlosen Hamburger Konferenzräume, in denen die Luft nach abgestandenem Kaffee und zu vielen Laptops riecht. Ich starre auf mein Notizbuch. Wir sind gerade am Ende eines intensiven Sprint-Plannings. Vor mir liegt eine Doppelseite voller Kringel, Pfeile und etwas, das eigentlich die Zusammenfassung der Prioritäten sein sollte. Aber ich kann es nicht lesen.
Meine eigene Handschrift sieht aus wie ein EKG während eines Herzinfarkts — hektisch, zittrig, ungleichmäßig. Die Sketchnotes, die ich Ende 2025 aus purer Verzweiflung angefangen habe, helfen zwar bei der Struktur, aber wenn der Text dazwischen unleserlich ist, bleibt das Protokoll wertlos. Ich bin Product Manager, kein Kalligraph. Mein Kalender sagt, ich verbringe 62 Prozent meiner Woche in Meetings. Wenn ich diese Zeit nicht nutzen kann, um Informationen so festzuhalten, dass ich sie morgen noch verstehe, habe ich ein Problem.
Das Problem mit der Ästhetik im PM-Alltag
In den sozialen Netzwerken sieht Handlettering immer nach Kunst aus. Pastellfarben, geschwungene Linien, Perfektion. Für jemanden, der in einem Hamburger SaaS-Unternehmen arbeitet und zwischen Stakeholder-Meetings und Backlog-Refinement hin- und herspringt, ist das völlig realitätsfern. Ich habe keine Zeit für Kunst. Ich brauche Informationsarchitektur auf Papier.

Ich habe nach dem ersten Quartal dieses Jahres gemerkt, dass meine Versuche, „schön“ zu schreiben, das Problem sogar verschlimmert haben. Schöne Schriften in Meetings sind eigentlich kontraproduktiv. Sie binden zu viel kognitive Kapazität. Wenn ich mich darauf konzentriere, einen Buchstaben besonders dekorativ zu gestalten, höre ich auf, aktiv zuzuhören. Ich verpasse die Nuancen in der Kritik des Stakeholders, während ich versuche, ein „S“ perfekt zu schwingen. Das ist der Moment, in dem die Lesbarkeit gegen die Effizienz verliert.
Die Lösung war für mich nicht, schöner zu schreiben, sondern technischer. Ich habe angefangen, meine Schrift als Teil des Designs zu betrachten, nicht als Ausdruck meiner Persönlichkeit. Es geht um den Ductus — die Art und Weise, wie die Linien geführt werden. Minimalismus ist hier der Schlüssel.
Die Anatomie der Lesbarkeit: Weniger ist mehr
An einem grauen Vormittag im März saß ich in einer Retro und beschloss, alles wegzulassen, was meine Schrift kompliziert macht. Keine Schnörkel, keine Kursivschrift, keine Verbundenheit der Buchstaben. Ich bin zurück zu den Basics der Serifenlosen Linearantiqua gekehrt. Im Grunde sind es einfache Druckbuchstaben, wie man sie in der Grundschule lernt, nur mit dem Fokus eines 34-jährigen PMs.
Ein entscheidender Faktor für die Lesbarkeit ist die sogenannte x-Höhe. Das ist die Höhe der Kleinbuchstaben ohne die Ausreißer nach oben (wie beim „b“) oder unten (wie beim „p“). Wenn diese x-Höhe konstant bleibt, wirkt das Schriftbild sofort ruhig und professionell. Es ist wie beim UI-Design: Konsistenz schlägt Varianz.
Ich nutze meistens ein Notizbuch im DIN A5 Format (148 x 210 mm). Das ist kompakt genug für den Pendler-Rucksack, bietet aber genug Platz für Struktur. Mein Werkzeug ist ein einfacher Fineliner mit einer Strichstärke von 0.5 mm. Diese Stärke ist ideal, weil sie Fehler verzeiht, aber präzise genug für kleine Anmerkungen ist. Das leise, rhythmische Kratzen des Fineliners auf dem 120g-Papier, während die Klimaanlage im Hamburger Büro monoton summt, hat fast etwas Beruhigendes in der Hektik.

Drei Übungen für das nächste Meeting
Man muss keine Stunden investieren. Ich habe diese Übungen einfach während der Standups gemacht, wenn die Updates der anderen gerade nicht meine direkte Aufmerksamkeit erforderten. Es sind Mikro-Gewohnheiten, die den Unterschied machen.
- Die Grundlinie halten: Das klingt banal, aber die meisten von uns schreiben „bergauf“ oder „bergab“. Ich konzentriere mich jetzt bewusst darauf, dass jeder Buchstabe die imaginäre Linie berührt. Das führt zu einem plötzlichen Lockern der Nackenmuskulatur, wenn die Buchstaben endlich gleichmäßig auf der Linie stehen, statt nach rechts oben wegzudriften.
- Abstände kontrollieren: Lesbarkeit entsteht durch Weißraum. Nicht nur zwischen den Zeilen, sondern zwischen den Buchstaben. Ich zwinge mich, jedem Buchstaben seinen eigenen Raum zu geben. Kein Quetschen am Zeilenende. Wenn der Platz im DIN A5 Format nicht reicht, ziehe ich lieber eine neue Box auf.
- Blockbuchstaben für Headlines: Wichtige Begriffe schreibe ich konsequent in Großbuchstaben. Das trennt den Inhalt visuell von den Details. Es ist die H1 meines analogen Protokolls.
Vor etwa drei Wochen passierte dann etwas Unerwartetes. Ein Kollege aus dem Engineering-Team lehnte sich nach einem Workshop über meine Schulter und fragte, ob er meine Notizen abfotografieren dürfe. Er meinte, sie seien „so schön strukturiert“. Das war ein echtes Novum in meiner PM-Karriere. Früher war ich froh, wenn ich meine Notizen nach zwei Stunden selbst noch entziffern konnte. Heute dienen sie dem Team als Referenz.
Handlettering als Informationsarchitektur
Man darf den Fehler nicht machen, Handlettering als Hobby zu sehen. Für mich ist es ein Werkzeug zur Informationsarchitektur. Wenn ich eine User Story visualisiere, hilft mir die klare Schrift, die Logik dahinter schneller zu erfassen. Ich habe früher oft darüber geschrieben, wie man Schritt für Schritt Sketchnotes lernen ohne jegliches Zeichentalent kann — die Schrift ist dabei das Fundament.

Wenn ich heute in einem Stakeholder-Review sitze, nutze ich die Schrift, um Hierarchien zu schaffen. Ein fettes Wort hier, ein eingerückter Satz dort. Es geht nicht darum, dass es „schön“ aussieht. Es geht darum, dass mein Gehirn beim späteren Durchblättern sofort die Key-Takeaways erkennt, ohne den gesamten Text erneut lesen zu müssen. Das spart Zeit und Nerven.
Ich merke auch, dass ich durch die bewusste Linienführung im Ductus langsamer schreibe. Das klingt erst mal nach einem Nachteil, ist aber ein massiver Vorteil für das Verständnis. Durch das langsamere Tempo filtere ich automatisch. Ich schreibe nur das auf, was wirklich relevant ist. Die unleserlichen Hieroglyphen von früher waren oft nur ein ungefilterter Stream-of-Consciousness, den niemand brauchte.
Letztlich ist die Lesbarkeit meiner Notizen ein Zeichen von Respekt gegenüber meinem zukünftigen Ich — und gegenüber den Projekten, die ich betreue. Wer seine eigenen Gedanken nicht lesen kann, kann sie auch nicht managen. Wer tiefer in das Thema eintauchen will, dem empfehle ich meinen Text darüber, warum Vorteile von Sketchnotes im Business den PM Alltag im SaaS erleichtern können. Dort gehe ich mehr auf die psychologischen Aspekte ein.
Handlettering für PMs bedeutet: Lesbarkeit schlägt Ästhetik jedes Mal. Es ist okay, wenn es nicht nach Instagram aussieht. Es muss nach Klarheit aussehen. Der Fineliner liegt bereit für das nächste Meeting. Vielleicht schaffe ich es diesmal sogar ohne den dritten Kaffee.