Hand und Stift

Schritt für Schritt Sketchnotes lernen ohne jegliches Zeichentalent

An einem verregneten Dienstagnachmittag im letzten November saß ich in unserem Hamburger Büro und starrte auf eine Seite in meinem Notizbuch. Ein unstrukturiertes Chaos aus Stichpunkten, Pfeilen, die im Nichts endeten, und halbfertigen Sätzen. Ich konnte meine eigenen Action Items nicht mehr entziffern.

Als Product Manager in einem SaaS-Unternehmen verbringe ich laut meinem Kalender exakt 62% meiner Arbeitswoche in Meetings. Standups, Stakeholder-Reviews, Roadmapping-Sessions. Wenn man die Hälfte seines Lebens damit verbringt, Leuten zuzuhören, sollte man meinen, man beherrsche das Protokollieren. Aber die digitale Wüste in Confluence oder das Gekritzel auf A4-Papier fühlten sich irgendwie leer an. Ich hatte den Überblick verloren.

Ich habe keine Zeichen-Vorkenntnisse. Mein letzter Versuch, etwas Kreatives zu erschaffen, war vermutlich im Kunstunterricht der neunten Klasse und endete in einer stabilen Vier minus. Trotzdem entschied ich mich aus reiner Verzweiflung, einen Sketchnotes-Kurs zu belegen. Nicht, um Künstler zu werden. Nur, um meine eigenen Notizen am nächsten Tag noch verstehen zu können.

Der Start: Das visuelle Alphabet und die Angst vor der weißen Seite

Eine Hand zeichnet einfache geometrische Grundformen für Sketchnotes auf Papier.

Anfang Januar saß ich vor meinem ersten leeren Blatt. Die Theorie klingt simpel: Alles, was wir sehen, lässt sich auf 5 Grundformen reduzieren. Das sogenannte Visuelle Alphabet besteht aus Kreis, Quadrat, Dreieck, Linie und Punkt. Wer ein O schreiben kann, kann auch einen Kreis zeichnen. Wer ein I schreibt, beherrscht die Linie.

Eigentlich logisch. Trotzdem fühlte ich mich erst mal ziemlich dämlich, als ich in der Mittagspause Kreise und Quadrate übte, während die Kollegen über die neue API-Dokumentation diskutierten. Man fängt an, Symbole zu bauen. Ein Quadrat mit einem Dreieck obendrauf ist ein Haus. Ein Kreis mit zwei Strichen darunter ist ein User. In der Theorie.

In der Praxis sieht der erste User aus wie eine Kartoffel mit Gehstützen. Das ist der Moment, in dem der Perfektionismus zuschlägt. Man will, dass es gut aussieht. Aber Sketchnotes sind kein Handlettering. Dabei hilft es, den Unterschied zwischen Handlettering und Sketchnotes für schnelle Notizen zu verstehen, denn wir wollen hier keine Kunstwerke schaffen, sondern Werkzeuge zur Informationsverarbeitung.

Die Jonas-Methode: Komplexe Metaphern statt perfekter Kreise

In den meisten Anleitungen heißt es, man solle erst mal hunderte Icons üben. Ich halte das für einen Fehler. Wenn ich versuche, einen perfekten Laptop zu zeichnen, verliere ich den Faden im Meeting. Mein Ansatz war radikaler: Ich bin direkt zu komplexen Metaphern übergegangen.

Anstatt zu üben, wie man eine Glühbirne perfekt schattiert, habe ich angefangen, Konzepte wie einen Bottleneck oder eine Roadmap als grobe Gebilde zu skizzieren. Wenn man direkt mit den schwierigen Dingen einsteigt, verliert man die Angst vor dem Scheitern bei den einfachen Formen. Ein Bottleneck ist nur ein Flaschenhals. Zwei parallele Linien, die oben eng werden. Fertig.

Es geht um die Hierarchie der Informationen, nicht um die Ästhetik. Ich nutze oft die Dual-Coding-Theorie als mentale Stütze. Das Gehirn verarbeitet visuelle und verbale Reize über verschiedene Kanäle. Wenn ich das Wort Deadline höre und gleichzeitig eine kleine, hässliche Stoppuhr daneben setze, bleibt die Info hängen. Auch wenn die Uhr aussieht wie ein verunfallter Donut.

Einfache Symbole für Deadline und Features in einem Sketchnotes-Notizbuch.

Ein Moment der Wahrheit: Die hässliche Glühbirne

Es gab diesen einen Moment Mitte März. Ein wichtiges Stakeholder-Meeting. Ich saß am Rand und zeichnete mit. Ich versuchte, eine Idee für ein neues Feature zu visualisieren – das klassische Glühbirnen-Symbol. Es wurde furchtbar. Die Linien waren zittrig, die Form asymmetrisch.

Plötzlich beugte sich ein Senior Stakeholder über meine Schulter. Ich spürte, wie mir die Hitze in den Nacken stieg. Reflexartig versuchte ich, das Notizbuch mit dem Unterarm abzudecken. Ich schämte mich für diese krude Zeichnung. Er schaute kurz drauf, deutete auf die hässliche Birne und sagte nur: „Ja, genau das ist der Kernpunkt der UX-Strategie. Können Sie mir das nachher abfotografieren?“

Da habe ich verstanden, dass es niemanden interessiert, ob ich innerhalb der Linien bleibe. Es geht um das Verständnis. In einer Deep-Work-Phase, wenn es im Büro unheimlich still ist, liebe ich mittlerweile das spezifische Quietschen des wasserbasierten Markers auf dem dicken Papier. Es ist ein beruhigendes Geräusch, das mir signalisiert, dass ich gerade wirklich etwas verarbeite, anstatt nur passiv zuzuhören.

Vom Kritzeln zur Struktur

Inzwischen habe ich eine gewisse Routine entwickelt. Ich nutze meistens ein einfaches A4-Blatt im Querformat. Das gibt mir genug Platz für eine logische Struktur von links nach rechts oder von der Mitte nach außen. Sketchnoting ist für mich heute ein Teil meines Zeitmanagements geworden. Es ist faszinierend, warum ein Sketchnotes Kurs für Product Manager Zeit im Alltag spart, obwohl das Zeichnen während des Meetings erst mal nach Mehraufwand aussieht. Die Nachbereitung fällt fast komplett weg, weil das Protokoll im Kopf schon fertig ist.

Eine visuelle Roadmap als Sketchnote auf einem A4 Blatt.

Letzte Woche passierte dann etwas Kurioses. In einer hitzigen Roadmap-Session bat mich eine Kollegin, ein Foto von meiner „messy“ visuellen Zusammenfassung machen zu dürfen. Das offizielle Deck der Geschäftsführung hatte 20 Slides, aber meine eine Seite mit den drei zentralen Metaphern und den fünf wichtigsten Meilensteinen war für sie klarer als alles andere.

Man braucht kein Talent. Man braucht nur den Mut, vor anderen Leuten etwas Hässliches zu produzieren, das einen hohen Nutzwert hat. Mein öffentliches Tagebuch hier im Blog hilft mir dabei, dranzubleiben und nicht wieder in die Textwüste zurückzufallen. Wer hätte gedacht, dass ein PM aus Hamburg mal freiwillig Stifte kauft, die teurer sind als ein Mittagessen in der Schanze.

Ich zeichne weiter. Die Kartoffel-User werden langsam besser. Aber selbst wenn nicht – ich weiß jetzt wenigstens wieder, was ich im Meeting am Dienstag eigentlich erreichen wollte.

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