
Dienstagvormittag im Hamburger Büro. Die Luft steht, der Ventilator summt vergeblich gegen die Julihitze an. Ich starre auf den Screen: Eine Excel-Tabelle mit exakt 12 Zeilen OKRs für das nächste Quartal. Das Team starrt zurück. In den Gesichtern meiner Entwickler sehe ich diesen typischen Glasur-Blick — die totale kognitive Überlastung. Wir lesen Sätze vor, die klingen, als hätte sie eine übermotivierte KI im Phrasen-Modus ausgespuckt.
Eigentlich verbringe ich laut meinem Kalender 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings. Das ist kein Flex, das ist ein Hilferuf. Ende 2025 war der Punkt erreicht, an dem ich meine eigenen Protokolle nicht mehr entziffern konnte. Ich beschloss aus purer Verzweiflung, meine Notizen visuell zu strukturieren. Ohne Vorkenntnisse. Ohne Design-Hintergrund. Nur ich, ein schwarzer Marker und die Hoffnung, dass Bilder mehr sagen als zwölf Zeilen Arial 10.
Hinweis: In diesem Text findest du Affiliate-Links. Wenn du darüber einen Kurs buchst, erhalte ich eine Provision — für dich entstehen keine Mehrkosten. Ich verlinke hier nur Kurse wie den Sketchnotes Kurs, die ich selbst im Hamburger Büro-Alltag über Wochen durchgearbeitet habe, um nicht im Meeting-Chaos zu versinken.
Das visuelle Alphabet gegen das Phrasenschwein
Ein Standard-Zeitraum für Objectives and Key Results (OKRs) beträgt in der Tech-Branche meist 3 Monate. Drei Monate, in denen jeder wissen sollte, worauf wir eigentlich zusteuern. Aber Textwüsten fördern kein Wissen, sie fördern Nick-Reflexe. Ich fing also an, die OKR-Planung visuell aufzubauen. Mein Werkzeugkasten bestand dabei nur aus den 5 Elementen des visuellen Alphabets: Punkt, Linie, Kreis, Quadrat und Dreieck.
Mehr braucht es nicht. Wer diese fünf Formen zeichnen kann, kann alles visualisieren. Ich lernte das im Rahmen meiner Umstellung, als ich merkte, dass ein Sketchnotes Kurs meine Sicht auf unleserliche Meeting Notizen änderte. Plötzlich war das Objective kein abstrakter Satz mehr, sondern ein Leuchtturm am Rand des Whiteboards.

Die Key Results? Einfache Wellen, die auf diesen Leuchtturm zurollen. Jede Welle bekam eine Zahl. Das Team fing an, auf die Zeichnung zu deuten, statt in der Tabelle zu scrollen. Es ist faszinierend, wie viel schneller das Hirn ein Bild verarbeitet als eine verschachtelte Tabellen-Logik. Das Prinzip der dualen Kodierung — Bild plus Text — sorgt dafür, dass die Ziele tatsächlich im Gedächtnis bleiben und nicht nach dem Standup am Montagmorgen wieder verpuffen.
Leuchttürme und Pfannkuchen: Ein ehrlicher Fail
Natürlich lief nicht alles glatt. Während der Juni-Planung versuchte ich, besonders schlau zu sein. Unser Key Result 'API-Stabilität' wollte ich als hochkomplexen Server-Turm darstellen, um die technische Tiefe zu betonen. Ich zeichnete wild drauf los, während die Kollegen warteten. Das Ergebnis? Es sah aus wie ein schiefer Stapel Pfannkuchen.
Es gab zehn Minuten Gelächter. 'Jonas, bauen wir jetzt ein Frühstücks-Startup?' fragte mein Lead Dev trocken. Aber genau das war der Wendepunkt. Das Gelächter löste die Anspannung. Wir redeten plötzlich über die Stabilität, über das Fundament — und ja, auch über die Pfannkuchen. Am Ende stand ein simples Quadrat mit einer dicken Stütze darunter. Funktionalität schlägt Ästhetik, jedes Mal.
Ich nutze solche Skizzen mittlerweile auch, um komplexe SaaS Metriken und KPIs zu visualisieren. Es geht nicht darum, Kunst zu produzieren. Es geht darum, dass alle im Raum (oder im Call) das gleiche Bild im Kopf haben. Wenn ich heute ein Objective zeichne, sehe ich oft dieses kurze, befreiende Ausatmen in der Brust der Kollegen, wenn sie merken, dass die Skizze das Problem endlich greifbar macht.
Der Durchbruch am Whiteboard
Letzten Freitagnachmittag hatten wir eine festgefahrene Diskussion über eine Abhängigkeit zwischen zwei Teams. E-Mails waren hin und her gegangen, Slack-Threads waren eskaliert. Ich ging ans Whiteboard. Das vertraute Quietschen des schwarzen Markers auf dem Glas-Whiteboard durchschnitt die dicke Luft, während der Duft von frischem Kaffee durch den Konferenzraum zog.
Ich zeichnete zwei Container. Dazwischen einen dicken roten Pfeil, der an einer Wand abprallte. 'Hier hängen wir', sagte ich. Kein langes Referat. Nur dieser Pfeil. Innerhalb von zwei Minuten war die Lösung skizziert. Wir markierten die neuen Action Items direkt visuell. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass visuelle OKRs keine Spielerei sind, sondern ein Werkzeug für echtes Alignment.

Die Remote-Falle: Wenn das Bild statisch wird
Hier kommt der Haken, den viele übersehen: Wir arbeiten in einem Remote-Setup mit verteilten Zeitzonen. Eine Zeichnung auf einem physischen Whiteboard in Hamburg hilft dem Kollegen in Porto wenig, wenn sie dort nur als unscharfes Foto im Slack-Channel landet. Statische visuelle OKRs scheitern in asynchronen Teams oft, weil sie zu Wissenssilos werden.
Meine Lösung: Ich übertrage die Kernelemente meiner Sketchnotes mittlerweile in digitale Tools wie Miro oder Figma. Der Charme der handgezeichneten Symbole bleibt erhalten — sie wirken weniger einschüchternd als perfekte Vektorgrafiken —, aber sie sind für jeden jederzeit editierbar. Wenn sich ein Key Result ändert, wird die 'Welle' im digitalen Board angepasst. Das verhindert, dass wir mit veralteten Ständen planen.
Die visuelle Darstellung zwingt uns dazu, präzise zu sein. Man kann eine vage Formulierung leicht in eine Excel-Zelle tippen. Aber man kann Unklarheit nur schwer zeichnen. Sobald der Stift das Papier (oder das Tablet) berührt, musst du dich entscheiden: Was ist das Ziel? Wo ist die Blockade?
Falls du auch in 62 Prozent deiner Zeit in Meetings festsitzt und merkst, dass die OKR-Listen dein Team eher lähmen als motivieren, fang einfach an. Nimm dir den Sketchnotes Kurs vor, lern die 5 Basis-Formen und zeichne beim nächsten Planning dein erstes Objective. Es muss kein Meisterwerk sein — ein Leuchtturm, der wie ein Pfannkuchen aussieht, ist immer noch besser als eine Tabelle, die keiner liest.