
Später Nachmittag im Büro an der Alster. Ich starre auf mein Notizbuch. Da ist ein Gebilde, das aussieht wie eine tote Spinne. Eigentlich sollte es die Entscheidung zur API-Priorisierung aus dem Vormittags-Meeting sein. Ist es aber nicht. Es ist nur Graphit-Müll auf weißem Papier.
Kurze Transparenz-Notiz: In diesem Text sind Affiliate-Links verbaut. Klickst du drauf und kaufst etwas, bekomme ich eine Provision — für dich entstehen keine Mehrkosten. Ich verlinke hier nur Kurse, die ich im Rahmen meines eigenen Arbeitsalltags seit Ende letzten Jahres wirklich durchgearbeitet habe.
Ich bin Product Manager. Laut meinem Kalender verbringe ich 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings. Standups, Retros, Stakeholder-Reviews. Wenn ich nach diesen Terminen meine eigenen Protokolle nicht mehr lesen kann, sind 62 Prozent meiner Zeit im Grunde wertlos. Das wurde mir schmerzhaft klar, als ich nach dem dritten Quartal im letzten Jahr eine wichtige Roadmap-Entscheidung nicht belegen konnte. Mein eigenes Gekritzel war unlesbar. Ich stand vor den Stakeholdern und musste raten.
Ende 2025 war der Punkt erreicht, an dem Verzweiflung über Design-Angst siegte. Ich habe keine Zeichen-Vorkenntnisse. Ich kann keine geraden Linien ziehen. Aber ich brauchte ein System, das über reine Textwüsten hinausgeht.
Der Sprung ins Kalte Wasser: Funktionalität vor Schönheit
Ich habe mich für den Sketchnotes Kurs [Mein Einstiegs-Kurs] entschieden, weil er mir eines versprochen hat: Es geht nicht um Kunst. Es geht um Information. Für jemanden, der in Jira-Tickets und Excel-Tabellen denkt, war das der entscheidende Trigger. Der Kurs konzentriert sich auf einfache Symbole, Verbindungen und Container.
Ich erinnere mich an einen verregneten Abend im Januar. Ich saß am Küchentisch und habe zum ersten Mal gelernt, wie man einen Rahmen zeichnet, der nicht wie ein zerbeulter Karton aussieht. Es klingt trivial, aber für meine Meeting-Struktur war das der Wendepunkt. Ein Container trennt die Headline vom Inhalt. Ein Pfeil zeigt die Abhängigkeit zwischen zwei User Stories. Das ist Logik, keine Kalligrafie.

Anfangs fühlte es sich seltsam an. Das kratzende Geräusch eines schwarzen Fineliners auf glattem Papier, während der restliche Raum in der Videokonferenz schweigt. Man hat das Gefühl, man würde malen statt zu arbeiten. Aber die Ergebnisse sprachen schnell für sich. In einer Session über 5 einfache Sketchnotes Rahmen für mehr Struktur in Besprechungen lernte ich, wie ich Themenblöcke visuell isoliere, bevor das Meeting überhaupt endet.
Die Realität nach dem ersten Quartal
Nach dem ersten Quartal 2026 passierte etwas Unerwartetes. In einem besonders chaotischen Sprint Planning nutzte ich nur drei Symbole und zwei Rahmen, um die Abhängigkeiten unserer Microservices zu skizzieren. Am Ende des Meetings fragte ein Entwickler: "Jonas, kannst du mir das Foto von deinem Blatt schicken? Das ist klarer als das Miro-Board."
Plötzlich war ich nicht mehr der PM mit der Klaue, sondern der mit dem Plan. Dabei hatte ich nur das Prinzip der dualen Kodierung angewandt, ohne es damals so zu nennen. Bild und Text werden im Gehirn parallel verarbeitet. Das macht die Notizen nicht nur für mich, sondern auch für andere zugänglich.
Ich nutze mittlerweile oft auch Sketchnotes Männchen für Stakeholder Analysen, um schnell zu visualisieren, wer bei welchem Feature blockiert oder unterstützt. Es ist erstaunlich, wie viel effizienter ein einfaches Strichmännchen mit einer Sprechblase sein kann als drei Sätze Fließtext.

Ein ehrliches Wort zum kognitiven Aufwand
Hier kommt die Wahrheit, die in vielen Hochglanz-Guides fehlt: Sketchnoting in Meetings dient nicht immer der besseren Erinnerung. Manchmal verhindert es durch den hohen kognitiven Aufwand am Anfang sogar das aktive Zuhören. Wenn ich zu sehr damit beschäftigt bin, die perfekte Glühbirne für eine "Idee" zu zeichnen, verpasse ich die Nuancen in der Stimme des Product Owners.
Man muss lernen, das Sketchnoting zu reduzieren. Es ist ein Werkzeug, kein Selbstzweck. Wer zu dekorativ wird, verliert den inhaltlichen Anschluss. Deshalb war der Fokus im Einsteiger-Kurs auf simple, schnelle Icons so wichtig. Wer es später schöner mag, kann sich immer noch mit einem Handlettering Kurs beschäftigen, aber für das Protokoll im Stakeholder-Review ist das oft Overkill.
Letzte Woche im Product-Review habe ich gemerkt, wie weit ich gekommen bin. Ich musste nicht mehr in meinen Notizen wühlen. Ein Blick auf die Seite reichte. Die Struktur war da. Keine toten Spinnen mehr. Nur noch klare Pfade. Wer viel Zeit in Meetings verbringt und wem die digitale Flut an Texten über den Kopf wächst, dem kann ich nur raten: Fang klein an. Ein Stift, ein Blatt, ein paar Rahmen.
Falls du wie ich mittlerweile lieber digital arbeitest, lohnt sich später auch ein Blick auf den Digital Lettering Kurs, um die Skills auf das iPad zu übertragen. Aber das Fundament bleibt gleich: Verstehe, was du hörst, und gib ihm eine Form, die dein Gehirn auch drei Wochen später noch versteht.
Ich schreibe dieses Tagebuch weiter, um dranzubleiben. Es ist ein Prozess. Aber zumindest kann ich meine Notizen jetzt wieder lesen. Das ist mehr, als ich Ende 2025 zu hoffen gewagt hätte.